Gewaltwirkung

Gewaltwirkungsforschung

In den 1950er-Jahren beobachtete das FBI, dass Gewaltverbrechen in den Großstädten der USA ungefähr im gleichen Maße zunahmen wie Gewaltdarstellungen im Fernsehen. Um zu klären, ob dieser Zusammenhang ursächlich oder zufällig war, wurde der Psychologe Seymour Feshbach von den Fernsehsendern mit einem Gutachten zu dieser Frage beauftragt.

Damals ging man in der Psychologie überwiegend davon aus, dass Aggression als Voraussetzung für Gewaltverhalten ein menschlicher Trieb sei, der in der Fantasie eine Art Ventil sucht, wenn er in der Realität nicht ausgelebt werden kann. In den 1970er-Jahren verlor dieses Konzept vererbter Triebe an Bedeutung. Menschliches Verhalten wurde stärker durch das Lernen am Modell erklärt. Aggressivität, so die Vorstellung, sei also nicht angeboren, sondern werde erlernt.

In der modernen Psychologie geht man eher von einer Interaktion von Anlage und Umwelt aus. Diese Veränderungen in der Theorie der Persönlichkeitsentwicklung führt zu sehr unterschiedlichen Annahmen über das Zusammenspiel medialer und realer Gewalt. Die folgende kurze Zusammenfassung der wichtigsten Wirkungstheorien ist mit ihren widersprüchlichen Aussagen vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Die wichtigsten Theorien

Die Katharsistheorie geht von der Annahme aus, dass Gewaltdarstellungen im Fernsehen einen Katharsiseffekt haben. Das heißt, aufgestaute Aggressionen, die aufgrund gesellschaftlicher Konventionen oder Machtverhältnisse nicht abgebaut werden können, werden in das Gewaltverhalten der Protagonisten des Films projiziert und damit ausgelebt. Als mögliche Folge wäre eine Reduktion der Aggression zu erwarten, für die Zuschauer entstünde ein läuternder Effekt. Diese These wurde allerdings empirisch widerlegt (vgl. Kunczik/Zipfel in tv diskurs 3/2005, S. 11).

Die Inhibitionsthese besagt, dass Menschen in der Regel Gewalt als Mittel der Konfliktlösung ablehnen. Vor diesem Hintergrund erleben sie Gewalt als Regelverstoß, den es zu bekämpfen gilt, denn gewöhnlich empfinden sie bei Gewalterfahrungen Angst und wollen vermeiden, selbst in solche Situationen zu geraten (Inhibition, Hemmung). Mediale Gewaltdarstellungen widersprechen also nicht nur ihrer Grundeinstellung, die Gewalt ablehnt, durch die Konfrontation mit gewalthaltigen Bildern wird die Ablehnung sogar noch verstärkt. Es entsteht ein Antigewalt-Effekt, der eher bei weiblichen Rezipienten zu beobachten ist.

Die Theorie der kognitiven Dissonanz geht davon aus, dass Medien nicht in der Lage sind, eigene Einstellungen oder Verhaltensweisen zu verändern. Durch präkommunikative Selektion werden die medialen Inhalte so ausgewählt, dass sie mit den Grundeinstellungen weitgehend übereinstimmen. Ist das nicht der Fall, werden die Inhalte uminterpretiert oder als unglaubwürdig wahrgenommen.

Laut Habitualisierungsthese bildet das regelmäßige Anschauen vergleichbarer Gewaltdarstellungen eine Art Muster über Reaktionen in Konfliktfällen heraus. Dabei stellt nicht das Anschauen einzelner Gewaltdarstellungen ein Problem dar, sondern das regelmäßige Rezipieren vergleichbarer Gewaltmuster. In der Folge könnte eine allmähliche Abstumpfung gegenüber Gewalt eintreten.

Die Desensibilisierungsthese beinhaltet die Annahme, dass Menschen, deren Gefühle durch das Ansehen von Gewaltdarstellungen stark beansprucht werden, Methoden entwickeln, um die dargestellte Gewalt besser auszuhalten. In der Folge können sie Gewaltdarstellungen besser ertragen. Möchten Sie denselben Erregungszustand erreichen, benötigen sie immer drastischere Gewaltdarstellungen. Setzen sich ängstliche Menschen also bewusst der medialen Gewalt aus, können sie ihr Angstverhalten trainieren und zu bewältigen versuchen (Gefühlsmanagement, Moodmanagement). Ob die Abstumpfung gegenüber medial dargestellter Gewalt auch für reale Gewalt gilt, wurde niemals nachgewiesen.

Menschen in emotional erregten Zuständen (Verärgerung, Frustration) reagieren laut Stimulationsthese eher aggressiv als ausgeglichene Menschen. Medial aggressiv dargestellte Gewalt könnte unter bestimmten (individuellen) Umständen reale Gewalt zusätzlich stimulieren, z.B. dann, wenn die mediale Gewalt gerechtfertigt erscheint.

Bei der Kultivierungshypothese entsteht ein kultureller Gewöhnungseffekt (Mainstreaming). Der vermehrte Fernsehkonsum der Vielseher prägt deren Weltbild in Orientierung an die Fernsehrealität aus.

Die sozial-kognitive Lerntheorie nimmt an, dass aggressives Verhalten  durch das Nachahmen von Modellen erlernt werden kann. Auch Protagonisten aus Filmen dienen als Modell. Das heißt aber nicht, dass gewalttätig handelnde Vorbilder ohne Weiteres in das eigene Verhaltensrepertoire aufgenommen werden. Es findet vielmehr eine Art Filterprozess statt, indem die Darstellung im Film vor dem Hintergrund sozialer Erfahrungen und kognitiver Prozesse interpretiert wird. Die Beobachtung eines Menschen, der sich selbst verletzt, führt nicht dazu, dass man ihn imitiert – denn aufgrund der eigenen Erfahrung weiß man, dass dies Schmerzen bereitet. Wenn aber ein Protagonist gewalttätig handelt, damit Erfolg hat und nicht bestraft wird, könnte man lernen, dass Gewalt ein Erfolg versprechendes Mittel ist, um Interessen durchzusetzen oder Ziele zu erreichen.

Fazit

In der neueren Forschung ist man sich weitgehend darüber einig, dass es keine mechanischen Wirkungen gibt, die auf das Rezipieren von Gewaltdarstellungen zurückzuführen wären. Derselbe Medieninhalt kann bei einer Gruppe von Menschen zu völlig unterschiedlichen Effekten führen. Je nach Situation und Stimmung kann derselbe Zuschauer denselben Film anders verarbeiten. Zunehmend wird auch darauf hingewiesen, dass mediale Gewalt nicht nur die Aggression, sondern auch die Empathie anspricht. Vor allem Frauen erleben Filme stärker aus der Position der Opfer und fühlen sich dadurch motiviert, gegen Gewalt vorzugehen.

Festzuhalten ist also, dass Wirkungen von Gewaltdarstellungen in einer vielschichtigen Interaktion von Dargestelltem, der Rezeptionssituation und vielen individuellen Variablen der Rezipienten entstehen.

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