Hier rein, da raus? Wie unser Gedächtnis Medieninhalte verarbeitet

medien impuls am 17. Februar 2012

Bei der Bewertung von Kino- und Fernsehfilmen oder Internetinhalten unter Jugendschutzgesichtspunkten geht es vor allem darum, eine Prognose zu möglichen Beeinträchtigungen oder Gefährdungen der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu erstellen. Dafür berufen sich die Prüferinnen und Prüfer unter anderem auf Ergebnisse der Medienwirkungsforschung, der Jugendforschung oder der Entwicklungspsychologie. Im Kern soll eine langfristige Wirkung beurteilt werden, deren Voraussetzung es ist, dass der einmal gesehene Inhalt über einen längeren Zeitraum in irgendeiner Weise präsent bleibt.

Tatsächlich gibt es Filme, an die wir uns lange erinnern können. Oft haben wir den Eindruck, dass bestimmte Ängste auf Filme zurückgehen, die wir in unserer Kindheit gesehen und nicht verkraftet haben. Es scheinen vor allem Inhalte "hängen zu bleiben", die starke positive oder negative Gefühle erzeugt haben oder irgendwie mit der eigenen Biografie in Verbindung stehen. An den überwiegenden Teil der Filme und Fernsehinhalte können wir uns aber kurze Zeit später bereits nicht mehr präzise erinnern. Oft können wir am Montagmorgen spontan kaum noch die Handlung des Tatorts vom Sonntagabend wiedergeben. Wenn wir im Fernsehen zufällig in die Wiederholung eines Films schalten, fällt uns das oft erst nach einer Weile auf. Wir erinnern dann zwar schnell, ob wir den Film genossen haben, ob er uns verängstigt oder gelangweilt hat, aber nicht mehr daran, wie er ausgeht.

Noch schwieriger ist es, den Inhalt von Musikclips oder Werbetrailern zu behalten. So wissen wir noch, dass sie bei uns ein bestimmtes Gefühl erzeugt haben, aber die einzelnen Details sind so kurz, vielfältig und komprimiert, dass wir sie nicht mehr aufzählen können. Was bedeutet das für die Wirkung? Wie entscheidet unser Gedächtnis, was wir uns über einen langen Zeitraum merken und was wir sofort wieder vergessen? Was prägt die Essenz unseres Erinnerns? Hängt dies eher von Bildern, der Dramaturgie oder von uns selbst ab? Kann ein Inhalt, den man längst vergessen hat, über einen längeren Zeitraum beeinflussen? Am 17. Februar 2012 stellte medien impuls die Fragen, wie unser Gedächtnis funktioniert und welche Bedeutung das für die Verarbeitung verschiedener medialer Inhalte hat. Wie geht unser Gehirn mit der völlig unübersichtlichen Menge an völlig widersprüchlichen Informationen, Gefühlen, Wertvorstellungen und Meinungen um? Wie suchen wir das heraus, was für unsere Identität und unsere Weltsicht von Bedeutung ist? Antworten auf diese Fragen können bei der Einschätzung helfen, welche Inhalte wahrscheinlich behalten werden und langfristig wirken und welche vergessen werden. 

Impuls I: Warum fällt das Schaf vom Baum?

Christiane Stenger zählt zu den erfolgreichsten Gedächtnissportlerinnen Deutschlands. Mit elf Jahren wurde sie erste Deutsche Juniorengedächtnismeisterin. Bereits 1999 erhielt sie den Titel "Grand Master of Memory" und gewann bis 2003 mehrfach die Juniorengedächtnisweltmeisterschaft. Bereits mit 16 Jahren machte sie das Abitur und begann ihre publizistische Tätigkeit. Inzwischen hat sie ihr Diplomstudium der Politischen Wissenschaften mit dem Schwerpunkt Volkswirtschaft erfolgreich abgeschlossen und ist eine gefragte Referentin und Interviewpartnerin im Bereich "Gedächtnistraining und Lernen".

Impuls II: Wie entscheidet das Gedächtnis, was wir behalten? Neuronale Struktur und Funktion

Dr. Denise Manahan-Vaughan ist Professorin für Neurophysiologie an der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Sie studierte Naturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Physiologie am Trinity College Dublin, Irland, und promovierte im Bereich der Neuropharmakologie/Neurophysiologie. Ihre Promotionsarbeit beschäftigte sich mit der physiologischen Charakterisierung des Hippokampus, einer der wichtigsten Gedächtnisstrukturen.

Impuls III: Wie und warum erinnern wir uns? Gedächtnis, Kommunikation und Film

Dr. Christian Gudehus ist Mitarbeiter an der Universität Flensburg und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Center for Interdisciplinary Memory Research. Seine Forschungsfelder sind die Tradierung von Geschichtsdeutungen und die damit verbundene Deutung von Vergangenheitskonstruktionen mit dem Schwerpunkt auf Ausstellungen und Film sowie die Untersuchung kollektiver Gewalt.

Impuls IV: 20 Sekunden für ein Produkt: Was bleibt an Werbung im Gedächtnis?

Nina Preuss ist Mitgeschäftsführerin der Preuss und Preuss GmbH, Agentur für Problemlösungen. Sie ist gelernte Verlagskauffrau und seit 1996 als Beraterin in der Werbung tätig (u.a. Meire + Meire, Jung von Matt, Scholz & Friends).

Die Bedeutung des Erinnerns bei der Konstruktion von Identität und Wertesystem. Was bleibt von Medieninhalten übrig? 

Podiusmdiskussion mit Dr. Christian Gudehus, Prof. Dr. Denise Manahan-Vaughan, Moderator Dr. Torsten Körner sowie Nina Preuss und Prof. Dr. Jürgen Grimm (v.l.n.r.)

Prof. Dr. Jürgen Grimm ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Hier betreibt er neben seiner Lehrtätigkeit empirische Forschungen vornehmlich zur Medienwirkung und den daraus ableitbaren Konsequenzen für das Medienhandeln. Vor seiner Wiener Zeit lehrte und forschte Grimm an verschiedenen deutschen Universitäten, u.a. in Mannheim, Münster, Augsburg und Siegen. 

Dr. Torsten Körner ist freiberuflicher Journalist und Autor. Er schreibt Medien- und Fernsehkritiken und hat u.a. Biografien von Franz Beckenbauer und Götz George verfasst.