Tabubrüche in den Medien: warum sie uns reizen und was sie für die Gesellschaft bedeuten

medien impuls am 15. Juni 2011

Subjektiv haben wir wahrscheinlich alle das Gefühl, dass viele Tabus, die früher einmal unumstößlich schienen, heute nichts mehr wert sind. Wer beklagt, die Medien würden ständig neue Tabus brechen, um Aufmerksamkeit und damit Zuschauerquote zu erreichen, erntet meist Zustimmung. Kein Zweifel, vor allem das Fernsehen wird für den Niedergang gesellschaftlicher Tabus verantwortlich gemacht.

Eine Studie der Medienforschung des ZDF (2010) kommt zu dem Ergebnis, dass Tabus bei Jugendlichen, vor allem bei Jungen, kaum eine größere Rolle zu spielen scheinen. Eine neuere im Auftrag einer Landesmedienanstalt durchgeführte Studie (2011) stellt einerseits fest, dass vor allem bei Reality-Formaten wie Deutschland sucht den Superstar Tabubrüche bewusst zur Steigerung der Quote eingesetzt werden. Andererseits wird aber auch klar, dass die Einstellungen Jugendlicher beispielsweise zu der Frage, ob es erlaubt ist, auf schwache Kandidaten verbal noch einmal draufzuhauen, dadurch nicht erkennbar verändert würden. Unbestreitbar ist vor allem, dass durch das Internet die Erreichbarkeit von Inhalten vereinfacht wurde. Tabubrüche können im Schatten der Anonymität und damit unerkannt ablaufen. Die Realität sieht wahrscheinlich anders aus. Denn auch die Studie des ZDF stellt fest, dass es vor allem im Internet sehr wohl noch Tabus gibt und Tabuverletzungen als Grenzüberschreitung angesehen werden. So gehen Jugendliche bei der Entscheidung, wann ein Tabu verletzt ist, differenziert vor und unterscheiden dabei zwischen ihrem persönlichen Lebensumfeld und Dingen, die sie ausschließlich medial vermittelt bekommen. Also alles nur halb so schlimm?

Eine einfache Übertragungswirkung medialer Tabubrüche scheint es demnach nicht zu geben. Wir müssen feststellen, dass in vielen Bereichen, zum Beispiel im Sexualverhalten, viele anscheinend unverrückbare Tabus heute selbst bei konservativen Menschen keine Rolle mehr spielen. Wer hätte es noch vor zehn Jahren für möglich gehalten, dass einmal der Vater eines gerade geborenen außerehelichen Kindes Vorsitzender einer konservativen Partei oder ein Schwuler Regierender Bürgermeister oder Außenminister werden kann? Zweifellos sind diese Tabus in der Gesellschaft heute nicht mehr vorhanden. Aber wollen wir sie ernsthaft zurückhaben? Müssen wir diesen Wandel tatsächlich beklagen oder ist er eine positive Errungenschaft?

Mit der Tagung am 15. Juni 2011 wurde zum einen den Fragen nachgegangen, wie und warum Tabus entstehen, ob oder warum Gesellschaften Tabus brauchen und nach welchen Regeln sie sich in der Mediengesellschaft wandeln. Zum anderen wurde erörtert, wie der Jugendschutz mit den verschiedenen Tabubrüchen umgehen soll: Hat er, wie viele meinen, die Funktion des Tabuwächters oder ist er eher Teil des Wandlungsprozesses?

Tabus – wie sie entstehen, warum wir sie brauchen und wie sie sich wandeln

Dr. Hartmut Schröder ist Professor für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Er studierte Sozialwissenschaften und Russistik in Duisburg und Bochum. Seine Promotion legte er im Fach Linguistik an der Universität Bielefeld ab. Dozententätigkeiten führten ihn anschließend nach Finnland und Schweden. 1994 wurde Schröder zum Professor an der Europa-Universität Viadrina ernannt. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des postgradualen Fernstudiengangs „Medien und Interkulturelle Kommunikation” und Vorstandsmitglied des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften.

Mediale Grenzüberschreitungen

Dr. phil. habil. Gerd Hallenberger studierte Europäische Ethnologie, Soziologie, Anglistik und Politikwissenschaft. 1985 promovierte er im Fach Europäische Ethnologie, 1997 folgte die Habilitation im Fach Medienwissenschaft. Dr. Hallenberger war von 1986 bis 2000 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei verschiedenen Teilprojekten des DFG-Sonderforschungsbereichs „Bildschirmmedien” an den Universitäten Marburg und Siegen. Von 1996 bis 2004 war er Leiter des deutschen Zweigs des europäischen Forschungsverbundes „Eurofiction”. Seit 2000 ist er regelmäßig Mitglied von Nominierungskommissionen und Jurys für den Grimme-Preis. Aktuell ist er freiberuflicher Medienwissenschaftler.

Factual Entertainment: programmierter Tabubruch

Panagiotis Trakaliaridis studierte Medienplanung, -entwicklung und -beratung und schloss 1995 als Diplom-Medienwirt an der Uni-GH Siegen ab. Er war langjähriger freier Mitarbeiter und Reporter in der Lokalredaktion einer Tageszeitung. Während des Studiums und danach war er für verschiedene Medienunternehmen tätig, darunter Endemol und Super RTL. 1997 kam er zum ZDF, zunächst als Redakteur für langfristige Programmplanung. Er war beteiligt an der Weiterentwicklung der Programmschema-Abläufe und der Einführung innovativer Formate. Auf Grundlage dieser Arbeit baute er im ZDF die Stabsstelle „Sendeplatzprofile, strategische Programmentwicklung, Formatarbeit” auf und ist damit in der Hauptabendprogrammplanung u.a. zuständig für Programmqualitäts-Controlling und die Identifizierung neuer Programmformat-Trends.

Regelverstöße als Erziehungsbeeinträchtigung. Tabubrüche und die Arbeit der Jugendschutzinstitutionen

Podiumsdiskussion mit Claudia Mikat, Hartmut Schröder, Vera Linß, Stefan Förner und Ute Biernat (v.l.n.r.)

Ute Biernat begann nach dem Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft ihre Laufbahn zunächst als Regisseurin und Autorin u.a. für Magazinsendungen, bevor sie als freie Redakteurin nach Neuseeland, anschließend nach Australien und in die USA ging. Ute Biernat ist seit 2000 Geschäftsführerin von GRUNDY Light Entertainment und seit 2005 Geschäftsführerin der GRUNDY Schweiz AG in Zürich.

Stefan Förner ist Diplom-Theologe und seit 1996 in Berlin für das Erzbistum Berlin tätig, zunächst als Rundfunk-Redakteur (tv.berlin, Radio Paradiso, etc.) und seit 2003 als Pressesprecher/Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Er ist Prüfer bei der FSF, mitunter Mitglied in ökumenischen Jurys bei Filmfestivals in Cottbus, Cannes oder auch Berlin. Außerdem ist Stefan Förner „Filmbeauftragter” des Erzbistums Berlin.

Claudia Mikat studierte Erziehungswissenschaften/ Freizeit- und Medienpädagogik an der Universität Göttingen. Sie arbeitete als freiberufliche Medienpädagogin, als Dozentin und in der Erwachsenenbildung. Von 1994 bis 2001 leitete sie die Geschäftsstelle der FSF. Seit 2001 ist sie Leiterin der FSF-Programmprüfung und hauptamtliche Vorsitzende in den Prüfausschüssen.

Vera Linß ist Medienjournalistin beim Deutschlandradio Kultur und beim ARD-Hörfunk. Nach einem Volontariat beim DDR-Fernsehen absolvierte Linß ein Journalistikstudium an der Universität Leipzig. Ab 1991 war sie Hörfunk- und Fernsehjournalistin u.a. für DT64, ORB-Fernsehen, Radio Brandenburg, MDR-Kultur. Seit 2007 moderiert sie u.a. den Online-Talk auf DRadio Wissen.