Treibsand der Lügen
Das Sozialdrama „The Thief, His Wife and the Canoe“

- The Thief, His Wife and the Canoe
- GB 2022Sozialdrama
- Anbieter
- MagentaTV
- Zu sehen
- ab 25.08.2022
„Das ist eine wahre Geschichte“, steht da zu Beginn. Und sie ist unglaublich. Im April 2022 ging die britische ITV-Miniserie The Thief, His Wife and the Canoe (Regie: Richard Laxton, Script: Chris Lang) mit über acht Millionen Zuschauer:innen in Großbritannien an den Start. Das Interesse war groß, weil die obskure Geschichte eines realen Versicherungsbetruges erzählt wird, der im Vereinigten Königreich hohe Wellen geschlagen hatte. Nun darf sie auch hierzulande bestaunt werden.
Englische Tristesse
Die Eheleute John und Anne Darwin aus Seaton Carew, Hartlepool stehen im Jahr 2000 vor dem Bankrott. John kommt auf die Idee, seinen Tod vorzutäuschen, damit seine Frau Anne die Lebensversicherung kassieren kann. Er fingiert einen tödlichen Kanu-Unfall. Der Plan scheint aufzugehen. Sogar die erwachsenen Söhne glauben, dass ihr Vater gestorben sei – obwohl er jahrelang unentdeckt im Nachbarappartement lebt, bevor es ihn und Anne nach Panama zieht. Doch seine Frau zweifelt auch an diesem Vorhaben. Letztlich manipuliert John seine Frau immer wieder, sodass sie den Betrug mitträgt. Für Anne ist dies ein unfassbares Dilemma. Und das sieht man ihr auch an. So nimmt die Serie Fahrt auf und entwickelt einen Sog, der viel über die Illusionen des neoliberalen Zeitgeistes der Nuller-Jahre und das moralische Fundament ehrlicher Beziehungen erzählt. Das ist der eigentliche Kern der Geschichte. Jedes Glücksversprechen klingt hier irgendwie bedrohlich. „Auch das noch!“, möchte man rufen!
Trailer The Thief, His Wife and the Canoe (Filmtoast, 16.07.2022)
Albtraum oder Chance?
Der Vierteiler wird dominiert von tiefen Wolken und Grautönen, die Annes Getriebensein den richtigen Farbton verleihen. Lediglich in Panama ist es hell und auch mal idyllisch. Aber trügerisch. Anne kann hier sogar lachen – ein seltener Moment. Oft schauen wir in entrückte, zweifelnde Gesichter. Die Serie besticht mit portraithaften Momentaufnahmen, die tief in die Seelen blicken lassen. Monica Dolan als verzweifelte und angstgetriebene Ehefrau Anne, die sich den bizarren Ideen ihres Mannes kaum erwehren kann, und Eddie Marsan als übergriffiger, leicht manischer John Darwin sind brillant. Hingucker! Auch die Rollen der Söhne sind mit Mark Stanley (u. a. Game of Thrones) und Dominic Applewhite gut besetzt. Wer übrigens Anne Darwin mal im Original sehen möchte, wird auf YouTube schnell fündig. Verblüffend, wie nahe Dolan in der Darstellung dieser Rolle der wahren Protagonistin kommt.
Während im Treibsand der Lügen alle Beteiligten unentrinnbar in die Tiefe sinken, lässt sich eine erstaunliche – wie man heute so schön sagt – Resilienz der Protagonistin bestaunen, die sich letztlich doch emanzipieren kann. Wie, das sollte man gesehen haben. An einer Stelle sagt sie über ihren Mann: „Er sorgte dafür, dass ich mich dumm fühlte.“ Was für ein Satz! Auch die Darstellung Johns mit seinem zutiefst manipulativen Charakter ist eindringlich.
Die Miniserie ist auch ein philosophisches und zugleich sozialrealistisches Stück über Liebe und Scham. Ein Traktat über Abhängigkeiten, kleine Momente des Glücks und große hohle Versprechen. Und es ist ein melancholischer Vierteiler über das Altern. Was ist wichtig? Auf wen kann ich zählen? Bei aller Tristesse wirkt die Serie nie erdrückend, sondern offenbart auch komische Momente. Eine gewisse Skurrilität bleibt uns bis zum Schluss erhalten. Das macht sie anziehend.
Freigegeben ab 12 Jahren | ohne Sendezeitbeschränkung
In dem britischen Sozialdrama dominiert eine ruhige und dialoglastige Erzählweise, die auch auf der visuellen Ebene auf spekulative oder übermäßig dramatisierende Bilder verzichtet. Das Risiko einer übermäßigen Ängstigung oder sozialethischen Desorientierung wurde nicht gesehen.
Im Mittelpunkt stehen die Eheleute, wobei die Ehefrau Anne als Erzählerin das Geschehen rahmt. Der Versicherungsbetrug und kriminelles Handeln werden als höchst ambivalentes und moralisch zweifelhaftes Unterfangen geschildert. Anne fungiert durchaus als ethisches Korrektiv, da sie immer wieder die moralischen Konsequenzen des Vorgangs problematisiert.
Der Plot ist deutlich im Alltag älterer Erwachsener angesiedelt und hat keine kindaffinen Charaktere und Bezüge, obwohl die Handlung zuweilen emotional auch sehr belastend ist. Ab 12-Jährigen wird zugetraut, die Geschichte hinreichend einordnen und reflektieren zu können. Sehenswert, auf jeden Fall.
Über den Autor:
Dr. Uwe Breitenborn ist hauptamtlicher Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Dozent, Autor und Bildungsreferent bei der Medienwerkstatt Potsdam.
Bitte beachten Sie:
Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Medieninhalt nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung hat.
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Hinweis:
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