Abgehörte Wahrheiten über den Holocaust

Die Dokumentation „Recording Evil – Die geheimen Nazi-Protokolle“

Uwe Breitenborn
RECORDING EVIL – DIE GEHEIMEN NAZI-PROTOKOLLE, ab 17.7. bei The History Channel (© THE HISTORY CHANNEL)
Recording Evil – Die geheimen Nazi-Protokolle
Israel 2025Dokumentation
Anbieter
The History Channel
Zu sehen
ab 17.07.2026

Die israelische Dokumentation thematisiert eine der größten Spionageoperationen des Zweiten Weltkriegs: Gespräche von NS-Offizieren und ‑Soldaten in britischer Gefangenschaft wurden abgehört und in Zehntausenden Seiten von Transkripten festgehalten. Das ursprüngliche Ziel der Aktion war, Informationen über Waffentechnik, militärische Strukturen und Ähnliches zu erlangen. Doch dann begannen die Offiziere von Massakern, Erschießungen und Vernichtungsexzessen zu berichten und lieferten so ungefiltert zuvor nicht bekannte Details über den Holocaust.
 

Secret Listeners

Als Transkriptoren agierten bei dieser streng geheimen Aktion vor allem deutschsprachige Emigranten (insbes. jüdische Flüchtlinge), die vom MI19 speziell ausgewählt und ausgebildet wurden. Unter Leitung des Geheimdienstoffiziers Thomas Kendrick notierten diese Frauen und Männer als „Secret Listeners“ nicht nur militärische Informationen, sondern auch Berichte über Verfolgung, Zwangsarbeit und die geplante Vernichtung der Juden. Die Alliierten bekamen somit frühzeitig ein Bild von den monströsen Vorgängen im NS-Reich. 

Die Dokumentation ist bedeutend, da sie den Blick auf den Holocaust erweitern kann. Die Transkripte belegen, dass die Offiziere der Wehrmacht von den Vernichtungsexzessen gegen die jüdische Bevölkerung wussten und darin involviert waren.
 

Recording Evil  – Die geheimen Nazi-Protokolle, Episode „Das Abhörprojekt“ (© THE HISTORY CHANNEL)


Normalisierung des Grauens

Alltagsberichte aus der Täterperspektive sind ungewöhnlich. Die Transkripte zeichnen ein realistisches Bild des Geschehens und bisweilen auch ein gespenstisches Psychogramm, weil die Offiziere offen und oftmals ohne Reue über ihre Taten sprechen. Es sind unmittelbare Innenaufnahmen aus der Mordmaschinerie im NS-Reich. Die Eindringlichkeit dieser konkreten Schilderungen lässt sich durchaus mit anderen Produktionen wie beispielsweise Claude Lanzmanns Shoah vergleichen, wenn auch die bei Recording Evil vorliegende Inszenierung mit Reenactments, Talking Heads und historischen Aufnahmen komplexer und eine gänzlich andere ist. Gegliedert ist die Produktion in drei Teile: 1) Das Abhörprojekt, 2) Blick in den Abgrund und 3) Das große Schweigen.
 

Renommierte Produktion

Recording Evil wurde vom israelischen Sender KAN 11 in Auftrag gegeben und von T. H. Productions produziert, die mit The Pianist from Ramallah und Columbia – The Tragic Loss bereits renommierte Projekte umgesetzt haben. Produzentin war Danna Stern (u. a. Supernova: The Music Festival Massacre), Regie führten Danny Liber und Yaron Niski (siehe Keslassy 2025). Gedreht wurde auch an Originalschauplätzen in Großbritannien, wie beispielsweise in Trent Park nördlich von London, wo 59 deutsche Generäle inhaftiert waren.
 

Exzellenter Geschichtsexkurs

Recording Evil ist eine hervorragend recherchierte und hochwertig produzierte Holocaust-Dokumentation, die den Nachweis erbringt, dass ein sehr breiter Personenkreis auch in der Wehrmacht vom Holocaust wusste und aktiv daran beteiligt war. Die historischen Details der Verbrechen (Berichte von Tötungen, Originalfotos und Filmaufnahmen v. a. aus Osteuropa) sind erschütternd, werden aber sachlich und faktenbasiert eingeordnet. Die Produktion verzichtet auf eine spekulative Inszenierung. Sie widmet sich sehr präzise den konkreten Schilderungen der Täter, fokussiert dabei aber konsequent die Perspektive der jüdischen Opfer. Das Zusammenspiel von Originalaussagen der Wehrmachtsoffiziere (auf Deutsch eingesprochen), Schilderungen von Nachfahren einiger „Jewish Secret Listeners“ sowie der Einordnung durch Historikerinnen und Historiker ergibt einen vielschichtigen Geschichtsexkurs, der auch heutige gesellschaftliche Entwicklungen kritisch und mahnend beleuchtet. So spricht Sandra Robinson, die Tochter des Secret Listeners Eric Mark, über die Gefahren für die Demokratie, wenn eine Bevölkerung müde wird, Veränderungen zu ertragen. Hitler wurde eben auch demokratisch gewählt und errichtete sofort seine Diktatur.
 

 

Freigegeben ab 12 Jahren | ab 20 Uhr
 

 

Im Zentrum der Diskussion im FSF-Prüfausschuss stand die Frage einer übermäßigen Angsterzeugung, da das Leiden und die grausamen Tötungen auch von Kindern und Frauen sehr anschaulich geschildert werden. Die Berichte über Tötungsmethoden und die Beseitigung der Leichen werden von deutschen Stimmen eingesprochen, oft mit originalen Schwarz-Weiß-Fotos und ‑Filmen unterlegt. Die Bilder geben den Transkripten eine zusätzliche Authentizität und Eindringlichkeit. Die Grausamkeit der geschilderten Massentötungen, teilweise verstärkt durch den Zynismus der Aussagen, birgt nicht nur für jüngere Zuschauergruppen ein Verstörungspotenzial. Die detaillierten, oft technisch kühlen Beschreibungen von Massenhinrichtungen und der perfiden Weiterentwicklung des Massenmordes sind schockierend, die Archivbilder des Krieges, vor allem der getöteten Juden in den Massengräbern und der ausgehungerten Kinder, ebenso. 

Auch wenn die Details des Holocaust belastend sind, kann das Format ab 12-Jährigen im Hauptabendprogramm zugemutet werden. Es ist herausfordernd, aber die genaue historische Kontextualisierung, die zeitliche Distanz und der einordnende, an wirklicher Erkenntnis interessierte Duktus des Formats ermöglichen eine angemessene Verarbeitung dieser Geschichtsdokumentation, die einen hohen Informationsgehalt und Neuigkeitswert aufweist. Eine nachhaltige Ängstigung ist trotz der schockierenden Details nicht zu befürchten. Entlastend wirken zudem die Schilderungen und Reenactments der geheimen Überwachungsoperationen des britischen Geheimdienstes (inkl. Besichtigungen der historischen Orte) sowie die Interviews mit den Kindern der Secret Listeners, die in ihrer Souveränität auch ermutigend wirken. Aufgrund der deutlichen, durchweg kritischen Einordnung des Holocaust war eine sozialethische Desorientierung auszuschließen.

Quellen und weiterführende Informationen zu Recording Evil und Secret Listeners:

Elsa Keslassy: Largest Spy Operation in WW2 Exposed in New Documentary ‘Recording Evil,’ Based on Declassified British Intelligence Documents (EXCLUSIVE). In: Variety online, 29.01.25

Florian Schimikowski: Neuer Dokumentarfilm „Recording Evil“ über Abhöraktion gegen deutsche Kriegsgefangene. In: www.deutsches-spionagemuseum.de, 31.01.2025

Trent Park: House of Secrets: Secret Listeners

 

Über den Autor:

Dr. Uwe Breitenborn ist hauptamtlicher Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Dozent, Autor und Bildungsreferent bei der Medienwerkstatt Potsdam.

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