Frauen von Format

Die Erotik-Realityshow „Dirty Words“ lädt vier Promis zur sexuellen Horizonterweiterung

David Assmann
DIRTY WORDS (© Joyn/Richard Hübner)
Dirty Words
D 2023Erotik/Sex
Anbieter
Joyn | Sixx
Zu sehen
ab 17.06. bei Joyn | ab 08.07. bei sixx

In den 1960er-Jahren prägte der US-amerikanische Historiker Daniel J. Boorstin die prägnante Formel, wonach Stars dafür bekannt sind, dass sie etwas Aufsehenerregendes getan haben, während Promis („celebrities“) einzig für ihre Bekanntheit bekannt sind. Sechzig Jahre später hat diese Formel nichts von ihrer Relevanz verloren, im Gegenteil: Mit dem Aufkommen des Reality-TV seit den 1990er-Jahren trat ein neuer Promityp seinen Siegeszug an und dominiert heute das Fernsehen wie nie zuvor. Der gängige Begriff „Realitystar“ ist dabei doppelt missverständlich, denn erstens handelt es sich bei ihm nach der Boorstin’schen Definition nicht um einen Star, und zweitens entspringt seine Bekanntheit gerade nicht seiner Existenz in der Wirklichkeit, sondern allein seiner Präsenz im Fernsehen. „TV-Promi“ ist also die sehr viel präzisere Bezeichnung.

Leuten, die gerne Promiformate sehen – und davon gibt es sehr, sehr viele (sowohl von den Leuten als auch von den Formaten) –, muss man nicht erklären, worin der Reiz besteht (aber Anja Rützel kann ihnen erklären, warum sie sich dafür nicht zu schämen brauchen). Leuten, die für Promiformate nicht empfänglich sind, diesen Reiz zu erklären, ist hingegen aussichtslos. Bleibt nur, auf die Existenzberechtigung dieser Sendungen hinzuweisen: Auf das Publikum, das so was einfach gerne schaut, und auf die mittlerweile zwei Generationen von TV-Promis, die sich eine Karriere daraus aufgebaut haben, im Fernsehen sie selbst zu sein. Mehr oder weniger.

„Ich bin hauptberuflich Mama, die Kinder sind ausgeflogen“, lautet Giulia Siegels Selbstbeschreibung zu Beginn der neuen Promishow Dirty Words. Das klingt nun nicht gerade nach einem ausgelasteten Arbeitsalltag, da kommt so ein neues Format gerade recht, und sei das Konzept auch noch so abwegig: Vier Promifrauen unterziehen sich gemeinsam einer sexuellen Horizonterweiterung, um am Ende ihre gesammelten Erfahrungen zu einer erotischen Kurzgeschichte zu verarbeiten. Wobei abwegig hier nicht mit originell zu verwechseln ist: Wenn jemandem das Konzept bekannt vorkommt, liegt das möglicherweise an der Sat.1-Sendung Mütter machen Porno (2020, siehe dazu auch den Blick in die Prüfung). Statt vier Promis waren es dort fünf Mütter, statt erotischer Kurzgeschichten ein pornografischer Kurzfilm, und wirklich originell war auch das nicht, sondern ein Remake der britischen Sendung Mums Make Porn von 2019.

Neben der Reality-Veteranin Giulia Siegel (bekannt unter anderem aus dem Dschungelcamp 2009, Das Sommerhaus der Stars 2017, Temptation Island VIP 2020 und Promis unter Palmen 2021) lädt Dirty Words die aufstrebenden Jungpromis Edith Stehfest (Das Sommerhaus der Stars 2023), Linda Nobat (Der Bachelor 2021, Dschungelcamp 2022) und Arielle Rippegather (Deutschland sucht den Superstar 2017 [damals noch als Marco] und 2021, Frauentausch 2017, Naked Attraction 2018) zur erotischen Exkursion ein. Ein Burlesk-Workshop, eine Kuschelparty, ein Setbesuch bei einem Pornodreh, ein Schnellkurs im erotischen Schreiben – die vier Promis nehmen alles mit und kommen sich zwischendurch bei Sekt und Sexgeplauder näher. Dirty Words zielt nicht auf eskalierende Konflikte und Krawall ab, sondern auf intime Einblicke und Emotionen.

Und das literarische Ergebnis der ganzen Unternehmung? „Ihre Möse war feucht und violett, was sich farblich herrlich mit dem dunkelbraunen Teint biss.“ Nicht gerade Anaïs Nin, aber wie beim Sex ist auch hier natürlich der Weg das Ziel. Viel wichtiger als die finalen Kurzgeschichten sind das persönliche Wachstum der Promis und ihr Zusammenwachsen als Gruppe, im TV präsent zu sein und fürs Bekanntsein bekannt zu bleiben. Und so richtet Arielle Rippegather am Ende den Blick schon wieder nach vorn: „Wir brauchen ein neues Format zusammen!“

 

Freigegeben ab 16 Jahren | ab 22 Uhr
 

 

Die achtteilige Erotikserie hat vier erwachsene Protagonistinnen, thematisiert Aspekte von Erwachsenensexualität und richtet sich an eine erwachsene Zielgruppe. „Promis“ und „Sex“ sind allerdings Bestandteile, die durchaus auch ein jugendliches Publikum anziehen können. Da die Serie mit Antrag auf Freigabe für das Hauptabendprogramm vorlag, hatten sich die Prüfausschüsse mit ihrer möglichen Wirkung auf 12- bis 15-Jährige zu befassen. Hier vermissten sie einen aufklärenden und einordnenden Gestus, um eine nachhaltige Verstörung durch bisweilen stark sexualisierte Sprache und Bilder für ein jüngeres Publikum zu verhindern.

Dass die Teilnehmerinnen an einem solchen erotisch-literarischen Experiment sexuell überdurchschnittlich aufgeschlossen und tendenziell exhibitionistisch veranlagt sind, liegt in der Natur der Sache. Daraus ergibt sich jedoch eine gewisse tendenziöse Verzerrung, die für junge Jugendliche in der sexuellen Findungsphase irritierend und verstörend sein kann. So zeigen sich die vier Protagonistinnen ausnahmslos sehr interessiert an BDSM-Studios und Fetischclubs und erwecken so den Anschein, als handle es sich dabei nicht um Subkulturen, sondern um Mainstream-Praktiken, die zu einem erfüllten Sexualleben zwingend dazugehören. Als bei einem Trinkspiel der Reichtum der sexuellen Erfahrungen abgefragt wird, beschweren sich die Promis, dass sie praktisch jede Frage mit „ja“ beantworten können und fordern anspruchsvollere Fragen wie „Hast du schon mal mit sieben Männern geschlafen?“

Insgesamt konnte der Prüfausschuss eine Überforderung und Verstörung unter 16-Jähriger nicht ausschließen und sah Wirkungsrisiken vor allem im Bereich der sozialethischen Desorientierung (vgl. § 31 Abs. 3 Nr. 3 PrO-FSF), aber auch der übermäßige Angsterzeugung (vgl. § 31 Abs. 3 Nr. 2 PrO-FSF) gegeben. Erst in ihrer sexuellen Entwicklung gefestigtere ab 16-Jährige können nach Auffassung des Ausschusses das Geschehen ohne Beeinträchtigung rezipieren und einordnen.

Über den Autor:

David Assmann ist freier Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler. Er ist Mitglied des Auswahlgremiums für die Berlinale-Sektion „Generation“ und in der Jury für den Grimme-Preis „Kinder & Jugend“. Seit 2022 ist er auch hauptamtlicher Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

Bitte beachten Sie:

Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Medieninhalt nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung hat.

Weiterlesen:   Sendezeiten und Altersfreigaben

 

Hinweis:

Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauerinnen und Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. In dem Fall gelten nicht die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

Weiterlesen:   Jugendschutz bei Streamingdiensten