Mit anderen Augen gesehen

Die Meta-Action-Horror-Komödie „Planet Terror“

David Assmann
PLANET TERROR (Foto: RTL/ 2007 The Weinstein Company, LLC.)
Planet Terror
USA 2007Horror-Komödie
Anbieter
Nitro.
Zu sehen
09.04.2026

Planet Terror war jahrelang als jugendgefährdend indiziert. Jetzt läuft die cinephile Meta-Action-Horror-Komödie erstmals ungeschnitten im TV. Das Wiedersehen nach knapp 20 Jahren macht deutlich, wie viel sich seitdem verändert hat.

Als Planet Terror im Jahr 2007 ins Kino kam, war der Film völlig aus der Zeit gefallen. Zwar ist die Handlung um das Go-Go-Girl Cherry Darling, das mit einem Maschinengewehr als Beinprothese auf Zombiejagd geht, in der damaligen Jetztzeit angesiedelt, doch die Erzählweise und Ästhetik des Films sind konsequent den B-Movies der 70er- und 80er-Jahre nachempfunden. Das geht von Details wie anachronistischen Kamerabewegungen bis zum Gesamtkonzept als Teil des Double Feature-Projekts „Grindhouse“, dessen andere Hälfte Quentin Tarantino mit Death Proof (2007) beisteuerte, flankiert von einer Handvoll Trailer für Filme, die überhaupt nicht existierten (manche davon wurden später noch realisiert). Bei einem dermaßen rückwärtsbezogenen Film sollte man erwarten, dass sich die Rezeption über die Jahre nicht gravierend verändert. Tatsächlich aber sorgen insbesondere drei tiefgreifende Entwicklungen dafür, dass man Planet Terror im Jahr 2026 mit anderen Augen sieht.
 

1. Die digitale Revolution

Die Hommage ans Exploitation-Kino geht bei Planet Terror so weit, dass der Film nicht nur dessen visuelle Mittel wie Schwenks, Zooms und Effekte aufgreift, sondern auch das dazugehörige Rezeptionserlebnis nachahmt. Und da in den klassischen Grindhouses, also heruntergekommenen Kinos mit einem einzigen Vorführsaal, in der Regel verkratzte und zerschlissene Filmkopien liefen, sieht Planet Terror entsprechend aus: wie ein zigfach vorgeführter und dann unsachgemäß gelagerter Film, der ein letztes Mal in einen Projektor eingelegt wurde. Dieser Eindruck wird so konsequent aufrechterhalten, dass in einer Sexszene scheinbar der Film reißt und es zu einer kurzen Unterbrechung der Vorführung kommt. Eine Einblendung gibt an, dass die nächste Filmrolle fehlt, woraufhin der Film an einer völlig anderen Stelle fortgesetzt wird und handlungsrelevante Inhalte einfach übersprungen werden.

All das war natürlich bereits 2007 als raffinierte selbstreflexive Spielerei zu erkennen, auch wenn zerkratzte Kopien, Filmrisse und sogar fehlende Filmrollen durchaus zum Kinoerlebnis dazugehören konnten. Das ist heute nicht mehr der Fall. Mit der um 2010 stattgefundenen digitalen Revolution gehören solche Merkmale analoger Vorführtechnik der Vergangenheit an. Schon mit den klassischen Überblendzeichen in der rechten oberen Ecke sind jüngere Generationen nicht mehr vertraut. Die künstlichen Bildfehler von Planet Terror erscheinen dadurch einem heutigen Blick erheblich verfremdender und vermitteln den Eindruck eines hochartifiziellen Gesamtkunstwerks, das maßgeblich auf eine vergangene Kinoepoche verweist. Das wirkt einer unmittelbaren, auf Identifikation und Immersion basierenden Filmrezeption entgegen und reduziert damit auch die Wirkmacht potenziell problematischer Inhalte.
 

Trailer Planet Terror (StudioMars, 13.05.2024)


2. Die Zombie-Apokalypse

Das Erscheinen von Planet Terror fällt in die Anfangsjahre der zweiten Zombie-Welle, die von Filmen wie 28 Days Later (2002, Danny Boyle), Dawn of the Dead (2004, Zack Snyder) und Shaun of the Dead (2004, Edgar Wright) losgetreten wurde und bis heute anhält. Spätestens die Serie The Walking Dead (2010–2022) und ihre diversen Spin-offs haben dazu geführt, dass Zombies inzwischen allgegenwärtig sind – und damit auch weitgehend domestiziert. Schon Kindergartenkinder sind heute in groben Zügen mit dem Konzept vertraut, für sie reiht sich der Zombie als Horrorfigur und Halloweenkostüm in die Riege kanonisierter Schreckensgestalten wie Vampire, Mumien und Hexen ein. Als Genre ist der Horrorfilm praktisch auserzählt und benötigt für seine Fortsetzung immer neue revisionistische Variationen.

Das war bei der ersten Zombie-Welle noch ganz anders. Ausgelöst von George A. Romeros Night of the Living Dead (1968) etablierte sich der Zombiefilm im Laufe der 1970er-Jahre als ein Genre, dem eine erhebliche jugendgefährdende Wirkmacht zugeschrieben wurde. Vor allem in den 1980er-Jahren hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften alle Hände voll damit zu tun, einen Zombiefilm nach dem anderen aus dem Verkehr zu ziehen. Diese Vorgeschichte mag noch nachgeklungen haben, als Planet Terror in der ungeschnittenen Fassung von der FSK kein Kennzeichen für eine DVD-Veröffentlichung bekam und von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, wie sie mittlerweile hieß, auf den Index gesetzt wurde.

Aus heutiger Sicht erscheinen diese Entscheidungen deutlich überzogen. Gewalt von und gegen Zombies ist mittlerweile selbst im Fernsehen in sehr viel ernsteren Szenarien und drastischeren Darstellungsformen geläufig. Dagegen erscheinen die bewusst trashigen Splattereffekte von Planet Terror als ein vergleichsweise harmloser augenzwinkernder Spaß
 

3. Die #MeToo-Bewegung

Wenn in einem Vorspann „The Weinstein Company“ auftaucht, dann denkt man heute nicht mehr zuerst daran, dass es sich dabei um das Nachfolgeunternehmen von Miramax handelt, jener Produktionsfirma, die die Karrieren der aufregendsten Hollywood-Regisseure der 1990er-Jahre in Gang brachte – nicht zuletzt die von Robert Rodriguez und Quentin Tarantino. Die filmischen Verdienste Harvey Weinsteins sind längst in den Hintergrund getreten gegenüber den Jahrzehnten missbräuchlichen Verhaltens, das in Hollywood zwar ein offenes Geheimnis war, aber erst im Herbst 2017 publik wurde. Über 80 Frauen erhoben schwere Vorwürfe wegen sexueller Belästigung, Nötigung oder Vergewaltigung gegen Weinstein, woraus eine weltweite Bewegung entstand, bei der Frauen unter dem Hashtag #MeToo auf eigene Missbrauchserfahrungen aufmerksam machten. In Gang gebracht wurde all das maßgeblich durch die öffentliche Anklage von Rose McGowan – der Hauptdarstellerin aus Planet Terror.

Robert Rodriguez gab 2017 an, die Besetzung von McGowan durch ihn und Tarantino (in dessen Begleitfilm Death Proof sie ebenfalls mitspielt) sei eine Art erhobener Mittelfinger an Weinstein gewesen, der Ende der 1990er-Jahre versucht haben soll, ihre Karriere zu beenden, nachdem sie erstmals Vorwürfe gegen ihn erhoben hatte. McGowan selbst schreibt allerdings in ihrer Autobiografie, Rodriguez habe sie am Set von Planet Terror psychisch unter Druck gesetzt und retraumatisiert. Zur Wahrheit gehört jedenfalls auch, dass die beiden während des Drehs ein Paar wurden und zwei Jahre lang verlobt waren.

Die Motivik von Sexismus und Gewalt gegen Frauen, die in beiden „Grindhouse“-Filmen eine Rolle spielt, erhält vor diesem Hintergrund ganz neues Gewicht. Bereits der Vorspann von Planet Terror zeigt die Stripperin Cherry aufreizend tanzend bei der Arbeit, bevor sie tränenüberströmt an der Tanzstange zusammenbricht: eine gebrochene, ausgebeutete junge Frau. Die sexualisierte Inszenierung von ihr und anderen weiblichen Figuren ist als ironisch gebrochene Referenz an die Konventionen des Exploitation-Films zu erkennen, zumal der Film in seiner Gesamtaussage einen eindeutig ermächtigenden und geradezu feministischen Impetus aufweist – auch das verbindet die beiden Filme des „Grindhouse“-Double-Features, die auf dem Sender NITRO. nun erstmals am 9. April 2026 gemeinsam und in voller Länge im Free‑TV zu sehen sind.
 

 

Freigegeben ab 18 Jahren | ab 23 Uhr
 

 

Auch wenn die Gewalt in Planet Terror nicht nur quantitativ massiv und qualitativ spektakulär, sondern in vielen Fällen auch dramaturgisch und ästhetisch selbstzweckhaft ist, sah der Prüfausschuss keine offensichtliche schwere Jugendgefährdung nach § 4 Absatz 2 Satz 1 Nummer 3 JMStV gegeben. 

Durch die zahlreichen massiven Gewaltszenen und deren drastische visuelle Umsetzung bietet die Darstellung von Tötungen und Verstümmelungen zwar durchaus einen erheblichen Schauwert; Gewalt wird ästhetisch spektakulär inszeniert und in etlichen Variationen durchgespielt. Dass sich ein großer Teil der Gewalt gegen Zombies richtet, denen außer mit Gewalt nicht beizukommen ist, entzieht diese Gewaltdarstellungen zudem einer gewaltkritischen Reflexion. 

Auch Gewalt zwischen Menschen wird durch Rache- und Notwehrkonstellationen mitunter implizit gutgeheißen. Allerdings wurde der Hommage- und Persiflage-Charakter des Films als zentral für die Wirkung gewertet. Etliche inhaltliche und gestalterische Elemente sorgen wie oben ausgeführt für Distanzierung, wodurch eine potenziell abträgliche Wirkmacht hinreichend gemindert wird, um eine nachhaltige Beeinträchtigung junger Erwachsener ausschließen zu können.

Über den Autor:

David Assmann ist freier Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler. Er ist Mitglied des Auswahlgremiums für die Berlinale-Sektion „Generation“ und in der Jury für den Grimme-Preis „Kinder & Jugend“. Seit 2022 ist er auch hauptamtlicher Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

Bitte beachten Sie:

Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Medieninhalt nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung hat.

Weiterlesen:   Sendezeiten und Altersfreigaben

 

Hinweis:

Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauerinnen und Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. In dem Fall gelten nicht die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

Weiterlesen:   Jugendschutz bei Streamingdiensten