Chaos, Konflikte und Katastrophen

RTL bringt „Die Flodders“ zurück ins Fernsehen

David Assmann
DIE FLODDERS, ab 3.9. bei RTL u. ab 6.9. bei Sky (© RTL)
Die Flodders
NL/D 2026Komödie/Comedy
Anbieter
RTL, Sky
Zu sehen
ab 03.09.2026

Sie sind zurück: die Flodders. Jene Chaosfamilie aus den Niederlanden, die in drei Kinofilmen (1986, 1992 und 1995) und einer Fernsehserie (1993–1999) das Publikum spaltete und einen Teil davon begeisterte. In Deutschland, wo Flodder – Eine Familie zum Knutschen bei RTL rauf- und runterlief, erlangte die Serie regelrechten Kultstatus. Im Zentrum steht die dysfunktionale Großfamilie Flodder, die in ein Nobelviertel umgesiedelt wird und dort für reichlich Reibung mit ihren wohlhabenderen Nachbarn sorgt.

Satirisch zugespitzte Serien über Klassenunterschiede hatten Anfang der 1990er-Jahre Hochkonjunktur. Auch der Humor von US-Sitcoms wie Eine schrecklich nette Familie oder Der Prinz von Bel-Air (die bei RTL im unmittelbaren Umfeld der Flodders liefen) basierte maßgeblich auf dem Prinzip, soziale Klischees ins Groteske zu übersteigern. Wobei sich die Flodders in ihrer anarchischen Drastik von diesen Hochglanzproduktionen deutlich absetzten.

Dass mit Die Flodders nun eine Fortsetzung der erfolgreichen Serie anläuft, passt wiederum in den aktuellen Zeitgeist, der die Idole aus der Kindheit und Jugend der heutigen Elterngeneration für die Gegenwart aktualisiert: Mit Barbie (2023) und Masters of the Universe (2026) landeten beliebte Spielfiguren im Kino, Ein Colt für alle Fälle wurde 2024 fürs Kino neuverfilmt (The Fall Guy), der Prinz von Bel-Air bekam bereits 2022 ein Reboot (Bel-Air) und auch der Pumuckl ist seit 2023 wieder da.

Was den Zeitgeist angeht, ergibt sich bei der Neuauflage der Flodders allerdings eine gewisse Herausforderung: Witze, die auf der pauschalen Abwertung unterprivilegierter Minderheiten basieren, stehen mittlerweile nicht mehr allzu hoch im Kurs. Wobei, das muss fairerweise gesagt sein, die ursprüngliche Serie nicht zuletzt deshalb funktioniert, weil hier alle Parteien ihr Fett wegkriegen und die Verwahrlosung der Flodders ebenso aufs Korn genommen wird wie die Arroganz und Doppelmoral der Oberschicht und die Hilflosigkeit des heillos überforderten Sozialarbeiters.
 

Das Geschehen auf dem Grundstück der neu hinzugezogenen Familie Flodder entsetzt die Nachbarschaft: DIE FLODDERS (Trailer), ab 3.9. bei RTL und ab 6.9. bei Sky & Wow (© RTL)


In der Neuauflage steht nun Kees im Mittelpunkt, die Tochter der Familie Flodder aus der Originalserie – ihre Darstellerin Tatjana Šimić ist die einzige Überschneidung zwischen dem Cast der beiden Serien –, sowie ihre Tochter, die ebenfalls Kees heißt und mit einem reichen alten Mann verlobt ist. Der stirbt zwar noch während der Hochzeit, vererbt ihr aber seine Villa in der Luxussiedlung Eyckendael. Und da diese für eine junge Witwe viel zu groß ist, zieht kurzerhand ein halbes Dutzend weitere Flodders mit ein, womit Chaos, Konflikte und Katastrophen vorprogrammiert sind.

Der Kniff, mit dem eine diskriminierende Darstellung der Unterschicht vermieden wird, besteht darin, dass die angedeuteten Unzulänglichkeiten der Flodders – Unbildung, Alkoholismus, Prostitution – nicht mehr als milieuspezifisch dargestellt werden, sondern eher als schrullige individuelle Eigenheiten erscheinen. Durch das Ausblenden der systemischen Komponente sozialer Ungleichheit geht der Neuauflage das provokative Potenzial der Ursprungsserie ab, was im Umkehrschluss aber nicht bedeutet, dass Die Flodders politisch korrekt wäre. Der Humor ist so derb, makaber, fäkal und böse wie eh und je – aber er geht praktisch durchgehend auf Kosten der Snobs. Während sich die wohlhabende Nachbarschaft in Oberflächlichkeit, Heuchlerei und Missgunst ergeht, sind die Flodders eine zwar unkonventionelle, aber mit großem Herz und starkem Zusammenhalt ausgestattete Familie. Kein Zweifel wird beispielsweise daran gelassen, dass Kees ihren greisen Gatten aufrichtig und ohne jede Hintergedanken geliebt hat. Der Hauptgrund für die permanent eskalierenden Konflikte ist die ablehnende Haltung der Nachbarn, und die Flodders begegnen dieser Haltung mit sympathischer Arglosigkeit und unerschütterlichem Glauben an das Gute im Menschen.

 

Freigegeben ab 12 Jahren | ab 6 Uhr und ab 20 Uhr
 

 

Im Mittelpunkt der Diskussion des FSF-Prüfausschusses stand die Frage, ob die stereotypen Figuren Vorurteile verstärken oder Gesellschaftsschichten abwerten könnten. Dies konnte aufgrund zahlreicher distanzierender Aspekte ausgeschlossen werden. 12‑Jährige können den mit Ekel- und Slapstick-Elementen inszenierten Klamauk als schrille Fiktion erkennen. Der auf der Ton- und Bildebene bisweilen vorhandene Sexismus wird ausgeglichen durch die starken Frauenfiguren, die die nach weiblichen Reizen gierenden Männer immer wieder vorführen. Alle Personen und Konflikte sind klar überzeichnet, es ist keine Übertragung in den Alltag anzunehmen. Auch mit Blick auf das Wohl jüngerer Kinder wurden in vier der sechs Episoden keine abträglichen Effekte erkannt, weshalb für diese auf eine Freigabe für das Tagesprogramm ab 12 Jahren entschieden wurde. 

Zwei Episoden wurden erst für das Hauptabendprogramm ab 12 Jahren freigegeben. In der einen eröffnen zwei Flodders einen Kindergarten und geben den Kindern Rotwein zu trinken, woraufhin die Lage völlig aus dem Ruder läuft. Darin wurde eine für kleinere Kinder potenziell desorientierende Verharmlosung von Alkohol gesehen. In der anderen Episode glaubt Kees Junior, die sich über weite Teile der Staffel mit der Frage beschäftigt, wer eigentlich ihr Vater ist, die Lösung in ihrem Onkel Henk gefunden zu haben, der sich einst mit seiner Schwester, also Kees Senior, das Bett teilte. Zwar erweist sich diese Spur letztlich als Holzweg (Henk lag zum betreffenden Zeitpunkt im Krankenhaus), doch erschien dem Prüfausschuss diese beiläufig erzählte bizarre Inzestgeschichte als potenziell nachhaltig irritierend für jüngere Kinder.

Über den Autor:

David Assmann ist freier Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler. Er ist Mitglied des Auswahlgremiums für die Berlinale-Sektion „Generation“ und in der Jury für den Grimme-Preis „Kinder & Jugend“. Seit 2022 ist er auch hauptamtlicher Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

Bitte beachten Sie:

Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Medieninhalt nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung hat.

Weiterlesen:   Sendezeiten und Altersfreigaben

 

Hinweis:

Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauerinnen und Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. In dem Fall gelten nicht die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

Weiterlesen:   Jugendschutz bei Streamingdiensten