Plädoyer gegen Selbstoptimierung

Die deutsche Dramedy-Serie Oh Hell bei MagentaTV

Helene ist der Ausrutscher in einer Hotelbar, all inclusive. Helene wurde in einer Abstellkammer für Speedboote gezeugt. Helene nennt ihre Mutter Muddinsky und die versteht das nicht. Helene ist eine Amsel, die über ihrem Nest zwei Adler kreisen sieht. Helene sucht Baron von Zweck und van der Schnarch in Überraschungseiern. Helene hat sich als Alonzo Penis auf einer Schwulenplattform angemeldet. Helene ist unheimlich kompetent darin, ihr „Verkacken“ zu vertuschen. Helene sieht auf Fotos immer so aus wie eine „arschgefickte Qualle“, die die ganze Nacht an ihrer Doktorarbeit geschrieben hat und keine Zeit hatte sich einzucremen. Helene ist 24 Jahre alt und fühlt sich wie 51.

Helene, auch Hell genannt, ist ein normaler, systemrelevanter Teil der werktätigen Bevölkerung und die Antiheldin einer deutschen Sitcom. Im Vorspann mümmelt sie Döner, untermalt von einem französischen Chanson. Hinter ihr brennt der Wald, den sie gerade aus Versehen angezündet hat. Sie ist nicht seltsam im Sinne von mysteriös, sondern seltsam im Sinne von seltsam. Gäbe es „don’t likes“ für uncoole Dinge, wäre die Uncoolste sie selbst. Ihr radikaler Unwillen sich anzupassen erinnert an Pippi Langstrumpf. Als Kunstfigur der fiktionalen Sitcom-Welt ist sie nicht bereit, irgendetwas als gegeben zu akzeptieren. So dekonstruiert sie sicher geglaubte Konventionen und damit auch das moderne, digitale Spießertum: unsere völlig entzauberte Welt, in der noch der langweiligste männliche oder weibliche Betriebswirt oder Facility Manager vorgibt, etwas ganz Besonderes zu sein und meint, das durch Click- und Followerzahlen beweisen zu können.
 

Trailer Oh Hell (MagentaTV, 15.02.2022)



Helene ist auf einer Insel, die man mit Easy Jet nicht anfliegen kann. Sie lebt in ihren Vorstellungen, Obsessionen und Traumwelten. Die Sitcom zeigt in acht kurzen Episoden ihren total misslungenen Versuch, sich mit der Welt im Allgemeinen und mit dem Cello-Lehrer Oskar im Besonderen zu synchronisieren. Dabei agiert Helene eigentlich eine radikale Künstlerinnen-Perspektive aus, auch wenn sie behauptet, dass sie das letzte Mal künstlerisch tätig war, als sie versehentlich Nutella auf ihren Bildschirm geschmiert hat. Ohne es zu wissen, ist sie längst eine Künstlerin. Denn von imaginären Orten kann man, so exotisch und wunderbar sie auch sein mögen, eben nur durch Kunst ein Zeugnis ablegen – und dieses dann als Instagram-Foto posten.

Helene müsste vor allem akzeptieren, als Künstlerin einsam zu sein. Man kann Kunst nur kommunizieren und nicht synchronisieren. Das ist ihr Dilemma. So nimmt Helenes Weg nach unten seinen tragikomischen Lauf. Untermalt wird das Drama treffend von der Sarabande (aus der Suite in d-Moll HWV437), die auch thematisch in der Handlung eine wichtige Rolle spielt. „Sarabande“ klingt wie ein bayrisches Schimpfwort, ist aber die Barockmusik von Georg Friedrich Händel, zu der schon der tragische Held Barry Lyndon in Stanley Kubricks gleichnamigem, nur von natürlichem Licht beleuchteten Filmepos durch die prächtigen Kulissen taumelte. Es gibt keine bessere Musik, um das herrlich melancholische Gefühl zu intonieren, endlich einmal alles so richtig großartig und laut krachend gegen die Wand zu fahren und dabei noch bis zuletzt an seinen Träumen und Fantastereien festzuhalten. Denn natürlich ist die Welt eine Vernissage. Natürlich muss das Leben so gelebt werden, als wäre es ein Filmtrailer!
 


Prüfer und Autor dieses Beitrags:

Dipl.Soz. Päd. Uli Wohlers ist Prüfer bei FSK und FSF. Er studierte u.a. Publizistik und Filmwissenschaft in Dublin und Lüneburg und lebt als freier Autor von Romanen und Drehbüchern in Hamburg, Berlin und Dänemark.


 

Freigegeben ab …

 

Die 24-jährige Helene, die im Zentrum der Dramedy-Serie steht, passt nicht ins Bild einer selbstoptimierten Millenial-Frau: Sie hat nur zum Schein studiert, schlittert von einem vermasselten Job zum nächsten und tritt mit ihrer direkten Art auch privat häufig in Fettnäpfchen. Aber Helene hat auch einzigartige Qualitäten: Mit viel Fantasie kann sie sich zu jeder Person, jedem Kleidungsstück oder Dialog eine ganze Welt ausmalen. Als sie in einer ihrer vielen Krisen den Cello-Lehrer Oskar kennenlernt, der sie und ihr Kopfkino zu verstehen scheint, hat sie erstmals auch von ihrem eigenen Leben eine klare Vorstellung.

Die freundliche, teils absurde Sitcom ist eine dialogorientierte Collage aus Rückblenden, Innenbildern und teils unzuverlässigen Erzählungen. Die radikale Innenperspektive der alltagsfernen Heldin mit Pippi-Langstrumpf-Attitüde lädt zur Akzeptanz von unangepassten Gedanken und Gefühlen ein. Das hielt der FSF-Prüfausschuss für so relevant, dass trotz wilder Sprachbilder, zahlreicher Peinlichkeiten und galoppierender Verantwortungslosigkeit der Protagonistin bei Oh Hell nahezu einstimmig für eine Freigabe im Tagesprogramm, verbunden mit Altersfreigaben ab 6 und ab 12 Jahren, votiert wurde.

Darstellungen von Gewalt oder ängstigende Inhalte sind für die Bewertung der Serie nicht relevant. Einzelne Szenen können kurzfristig irritieren, sind aber so humorvoll und grotesk eingebettet, dass negative Wirkungen nicht zu vermuten sind. Die Dialoge bleiben auf einer skurril-harmlosen Ebene. Diverse Anspielungen und Witzchen dürften für Kinder kaum decodierbar sein und an diesen wirkungslos vorbeigehen. Zwar zielt die Serie offensichtlich auf junge Erwachsene als Publikum und bietet diesen mit der Protagonistin auch Anknüpfungspunkte zur Identifikation. In der Figur „Hell“ wurde aber ein entlastendes Plädoyer gegen Selbstoptimierung und zwanghafte Anpassung an die Inszenierungen der Social-Media-Welt erkannt, was diese Trends auch für Jüngere vielleicht etwas relativiert.
 

Bitte beachten Sie:

Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Hinweis:

Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauer:innen mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. In dem Fall gelten nicht die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.