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Artikel in tv diskurs

Joachim von Gottberg:

fern. sehen. Medien im Digitalen Wandel

Einführung ins Titelthema

In: tv diskurs. Verantwortung in audiovisuellen Medien
23. Jg., 2/2019 (Ausgabe 88), S. 22-23

Prof. Joachim von Gottberg ist Chefredakteur der tv diskurs.

Im Jahr 2000 prognostizierte der renommierte Zukunftsforscher Matthias Horx in einer Studie über Die Zukunft des Internets: „Das Internet wird kein Massenmedium.“ Er sagte eine „digitale Spaltung“ voraus, nur gebildete Nutzer könnten mit dem Netz umgehen und verfügten über einen schnellen Anschluss, der Rest sei weder intellektuell noch finanziell in der Lage, am Netz teilzunehmen.

Heute, 19 Jahre später, verfügt so gut wie jeder in Deutschland über einen Internetzugang. Selbst 3-jährige Kinder beherrschen iPad und iPhone so gut wie ein zusätzliches externes Organ. Den Verzicht auf das Smartphone würden die meisten Jugendlichen als Amputation empfinden.

Heutige Prognosen beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen: Führt die oft beleidigende Ansprache in sozialen Netzwerken zu einer Verrohung der Sprache und der Diskussionskultur? Geht der Journalist als Gatekeeper verloren und kann sich damit heute jede noch so absurde oder extremistische Falschmeldung ungehindert millionenfach verbreiten?

Das Fernsehen, jahrzehntelang unumstrittenes Leitmedium, wird bereits von vielen totgesagt, obwohl es laut Statistik immer noch über sehr beachtliche Nutzerzahlen verfügt.

Der Jugendschutz, im Kino und im Fernsehen noch einigermaßen durchsetzbar, bleibt auf Plattformen wie Facebook oder YouTube mangels Interventionsmöglichkeit weitgehend auf der Strecke. Dass es kompletter Unsinn ist, wenn derselbe Film, der für das Kino mit hohem Aufwand in Form eines Verwaltungsaktes freigegeben werden muss, auf YouTube praktisch von jedem ohne irgendwelche Barrieren gesehen werden kann und bei Streamingdiensten von den Anbietern selbst eingeschätzt werden darf, pfeifen die Spatzen von den Dächern.

Aber welche Konsequenzen werden daraus gezogen? Auf die Illusion, mit Altersfreigaben den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu schädigenden Inhalten verhindern zu können, will im Augenblick offenbar noch niemand verzichten. Grund genug, über die Zukunft des Fernsehens in unserer vom Internet bestimmten Welt nachzudenken und Ideen zu entwickeln, wie Jugendschutz und Medienkompetenz vor diesem Hintergrund aussehen könnten.

 

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