Copy & Own 

Die FSF-Jahrestagung 2026 stellt Handlungsanreize und Wertevermittlung durch Medien in den Fokus

Am 25. Juni 2026 kamen Prüfende und Mitglieder der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) in Berlin zusammen, um unter dem Titel „Copy & Own – Handlungsanreize und Wertevermittlung durch Medien“ in den fachlichen Austausch zu gehen. Die Jahrestagung der FSF griff dabei ein Thema auf, das vor dem Hintergrund der hitzig geführten Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder und jüngere Jugendliche wohl aktueller denn je ist. 

Im Zentrum stand die Frage, wie audiovisuelle Inhalte – von klassischen TV-Formaten bis hin zu modernen Social-Media-Kanälen – Werte transportieren, Nachahmungsprozesse anstoßen und wie die regulatorische Praxis sinnvoll darauf reagieren kann.
 

Trendthema KI und die Wahrnehmung von Actionfilmen
 

Zum Auftakt der Veranstaltung gab Brigitte Zeitlmann, Geschäftsführerin Prüfung bei der FSF, einen Einblick in aktuelle Entwicklungen und Prüftrends. 

Als zentrales Zukunftsthema standen dabei unter anderem der Einsatz und die Kennzeichnung von künstlicher Intelligenz im Fokus. Ab August 2026 greift im Zuge des EU AI Acts eine neue gesetzliche Kennzeichnungspflicht für bestimmte KI-generierte oder KI-manipulierte Inhalte. Die FSF greift diese Entwicklung proaktiv auf und arbeitet bereits intern an einer KI-Richtlinie. Parallel dazu wurde auf das seit Januar 2026 laufende Pilotprojekt der FSF zur Zertifizierung automatisierter, KI-gestützter Bewertungssysteme (ABS) verwiesen. 

Ein weiteres Highlight aus der Geschäftsstelle war die Vorstellung eines aktuellen Forschungsprojekts zur Wahrnehmung von Actionfilmen aus Sicht heutiger Jugendlicher, beauftragt von der FSF und durchgeführt vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis von September 2025 bis März 2026. In Praxisworkshops hatten die Projektverantwortlichen mit 32 Schüler*innen der Klassenstufen 7 bis 10 konkrete Medienbeispiele diskutiert. Die Ergebnisse zeigen: Action bleibt eines der beliebtesten Genres, und Jugendliche kennen und durchschauen hierbei verschiedene Erzähllogiken trotz der Faszination für das Gezeigte. 

Wenn das Aufwachsen medial stattfindet
 

Den theoretischen und fachlichen Rahmen der Tagung setzte Prof. Dr. Daniel Hajok (Universität Erfurt) mit seinem Vortrag „Sich die Dinge ‚zu eigen‘ machen. Mediale Einflüsse im Kontext individueller Kompetenzen und ausgewählter Bereiche der Persönlichkeitsentwicklung“.

Seine Kernbotschaft zu Beginn: 

Werte werden nicht vermittelt, sie werden vorgelebt. Analog wie digital. 

Frühe Medienautonomie und der schwindende „Schonraum Kindheit“

In seinem Vortrag zeichnete Hajok zunächst das Bild eines veränderten Aufwachsens junger Menschen. Digitalisierung beginnt heute bereits im Kinderzimmer. Über interaktive Spielzeuge wie Tonieboxen oder Tiptoi-Stifte werden bereits Kleinkinder in das digitale Netz eingesponnen. Laut einer aktuellen Bitkom-Studie (2026) liegt das Durchschnittsalter für das erste eigene Smartphone inzwischen bei gerade einmal neun Jahren. Die digitale Mediennutzung erfolgt somit deutlich früher und vor allem autonomer. Ob die tägliche Kommunikation via WhatsApp, Unterhaltung auf TikTok und Instagram oder das Streaming von Filmen und Serien: Digitale Medien sind der Inbegriff von Multioptionalität. Hinzu kommt die Allgegenwärtigkeit digitaler Inhalte und Angebote, die es jungen Menschen so einfach wie nie zuvor macht, ständig und überall online zu sein.

Diese frühe Autonomie bleibt auch für den klassischen Jugendschutz nicht ohne Folgen. Der traditionelle, behütete „Schonraum Kindheit“ ist laut Hajok im digitalen Zeitalter kaum noch herstellbar. Während digitale Medien zwar anerkennenswerte kreative und partizipative Möglichkeiten zum Selbstausdruck bieten, eröffnen sie gleichzeitig auch einen risikoreichen Experimentierraum, der sich der direkten Kontrolle durch Erziehende weitgehend entzieht.

„Sein heißt medial stattfinden“: der Druck im Social Web

In diesem Experimentierraum hat sich das Nutzungsverhalten Heranwachsender grundlegend gewandelt. Statt Medieninhalte nur noch passiv zu konsumieren, wird aktiv geteilt, kommentiert, ge- und repostet. Daniel Hajok brachte diese Entwicklung prägnant auf den Punkt: „Sein heißt medial stattfinden.“ Der Druck zur Selbstdarstellung wird dabei durch die großen Plattformen teils strategisch befeuert. Belohnungssysteme wie beispielsweise die „Flammen-Emojis“ auf Snapchat, halten Jugendliche in einer nicht enden wollenden Interaktionsschleife.

Influencer als die neuen moralischen Instanzen?

Gleichzeitig ist eine spürbare Verschiebung der jugendlichen Orientierungspunkte festzustellen. Während Eltern im Regelfall nur bis ins Grundschulalter als primäre Medienbegleiter und Sozialisationsinstanzen dienen, rücken im weiteren Altersverlauf die Peergroup und digitale Identifikationsfiguren, wie beispielsweise Influencer*innen, an deren Stelle. 

Mit Blick auf das Tagungsthema der Wertevermittlung offenbart sich dabei eine jugendschutzrelevante Entwicklung. In früheren linearen Fernsehformaten, wie beispielsweise der Talkshow Arabella, fungierten die Sendungsformate oder Moderator*innen oft noch als moralische Instanz, die Grenzüberschreitungen einordneten oder als gesellschaftliches Korrektiv wirkten. Bei Influencer*innen fehlt diese einordnende Instanz gänzlich. Hinzu kommt, dass viele Akteur*innen im Netz gerade deshalb wirtschaftlich und reichweitentechnisch so erfolgreich sind, weil sie mit fragwürdigen Werten und extremen Orientierungen polarisieren. Eine kritische Einordnung im Sinne des Jugendschutzes findet auf den Profilen im Regelfall nicht statt.

Mediale Einflüsse auf zentrale Entwicklungsbereiche 

Die Wirkmacht dieser digitalen „Vorbilder“ kann Einfluss auf fast alle zentralen Entwicklungsbereiche von Kindern und Jugendlichen nehmen – von der Identitätsbildung über die kognitive bis hin zur sozialen und sexuellen Entwicklung. Wenn es um die Vermittlung von Werten geht, ist jedoch insbesondere die ethisch-moralische Entwicklung fokussiert zu betrachten, die maßgeblich die Akzeptanz von Regeln, Gesetzen und gesellschaftlichen Prinzipien prägt. Wie jugendschutzrelevant dieses Feld ist, kann sich laut Hajok beispielsweise im Bereich der politischen Sozialisation zeigen. Antidemokratische und extremistische Akteur*innen nutzen soziale Netzwerke und jugendaffine Trends strategisch aus. Sie inszenieren sich als nahbare Identifikationsfiguren, um den Erstkontakt zu jungen Menschen herzustellen und im weiteren Verlauf subtil demokratiefeindliche Botschaften und Propaganda in deren Feeds zu platzieren.

Dass das Aufwachsen mit digitalen Medien für Jugendliche heute selbstverständlich ist, bedeutet keineswegs, dass sie automatisch zu einer sicheren und reflektierten Nutzung befähigt sind. Junge Menschen nutzen Medienangebote eher neugierig statt vorsichtig. Insbesondere im dynamischen Social Web können sie die langfristigen Folgen des eigenen Handelns oft noch nicht voll abschätzen.
 


Fazit für die Medienbildung: Ein Perspektivwechsel ist notwendig

Aus diesen Erkenntnissen leitete Hajok wesentliche Empfehlungen für eine zeitgemäße Medienbildung ab. So darf es im Kern nicht mehr nur um den bloßen Umgang mit Werten an sich gehen, sondern um den kompetenten Umgang mit den eigentlichen Prozessen der Wertevermittlung. Eltern, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte sollten als aktive Lernbegleiter*innen agieren, um die kritisch-reflexive Komponente junger Menschen gezielt herauszubilden und zu fördern. Das Fundament hierfür ist und bleibt die regelmäßige, zugewandte und empowernde Anschlusskommunikation im realen sozialen Umfeld. 

Nur durch das gemeinsame Be- und Verarbeiten von medialen Belastungserlebnissen oder problematischen Verhaltensmustern kann es gelingen, dass Kinder und Jugendliche lernen, mediale Einflüsse zu hinterfragen und sich Werte nachhaltig und verantwortungsvoll „zu eigen“ zu machen.

Handlungsanreize in der Prüfpraxis: Gewalt, Rollenbilder und Risikoverhalten

Nach einer Mittagspause, die zu einem ersten kollegialen Austausch einlud, folgte schließlich ein Input aus der aktuellen FSF-Prüfpraxis. Anhand konkreter Medienbeispiele erläuterten die hauptamtlichen Prüfer*innen Brigitte Zeitlmann, David Assmann und Katja Verchow, wie sich die Dynamiken von Wertevermittlung und Handlungsanreizen in Programminhalten widerspiegeln. Im Fokus standen dabei drei wesentliche Wirkungskategorien:

  • Gewaltdarstellungen: Ein hohes Wirkungsrisiko bergen Inhalte, in denen Gewalt als legitimes, erfolgreiches Mittel zur Konfliktlösung präsentiert, durch Identifikationsfiguren einseitig positiv aufgewertet oder rein ästhetisierend inszeniert wird. Auch bei dokumentarischer Gewalt- oder Kriegsberichterstattung muss sorgfältig zwischen sachlicher Informationswiedergabe und einer reißerischen, idealisierenden Darstellung differenziert werden.
  • Welt- und Wertebilder: Die Werteentwicklung junger Menschen festigt sich erst im Altersverlauf. Insbesondere Teenager agieren zunehmend autonom und sind empfänglicher für alternative Wertevorstellungen. Formate, die extreme Schönheitsideale und einen hohen Selbstoptimierungsdruck (z. B. kosmetische Eingriffe) vermitteln, können in jugendlichen Entwicklungsphasen verunsichernd und belastend wirken. Ebenfalls im Fokus der Prüfung stehen stereotype Rollenbilder, antisoziales Verhalten in Form von hämischen Prank-Compilations, die die Empathie herabsetzen, sowie die pseudowissenschaftliche Darstellung vermeintlich paranormaler Aktivitäten.
  • Risikoverhalten und Selbstverletzung: Neben exzessiven Alkohol- und Drogendarstellungen bergen unkritische und verharmlosende Online-Challenges Nachahmungsgefahren. Bei der Darstellung von Selbstverletzungen und Suizid ist stets zu prüfen, inwieweit eine Verharmlosung oder eine Faszination transportiert werden. Hier gilt es, besonders vulnerable und psychisch vorbelastete Jugendliche im Blick zu haben. Positiv hervorgehoben wurde jedoch, dass es auch aufklärerische und empowernde Formate gibt, die empathisch und altersgerecht zur Enttabuisierung besagter Themen beitragen.

Vertiefende Diskussionen 

Zum Abschluss der Tagung erhielten die Teilnehmenden nochmals die Möglichkeit, in einen intensiveren Austausch zu gehen. In drei Arbeitsgruppen wurden spezifische Medienbeispiele zu den zuvor vorgestellten Wirkungskategorien diskutiert. Die Diskussionen in den Workshops, die später im Plenum vorgestellt wurden, untermauerten nochmals die vorangestellten Erkenntnisse aus der Prüfpraxis.

So wurde bei Formaten zu paranormalen Phänomenen diskutiert, wie die Wahrnehmung pseudowissenschaftlicher Inhalte heute durch Fake News, Desinformation und täuschend echte KI-Generierungen im Netz verstärkt werden können. Im Bereich der Kriegs- und Waffendarstellungen stand das sensible Spannungsfeld zwischen notwendiger Information und einer rein voyeuristischen oder reißerischen Inszenierung im Fokus. Bei Trends rund um Schönheitsoperationen und riskante Online-Challenges zeigte sich zudem, dass Fragen nach der Attraktivität, Relativierbarkeit und Gefährlichkeit der jeweiligen Darstellung in der Prüfpraxis Anwendung finden können, um entwicklungsbeeinträchtigende Medieninhalte angemessen zu bewerten.
 

Fazit: Der Schlüssel liegt im Dialog

Nach spannenden Einblicken in Wissenschaft und Praxis ließ sich aus der FSF-Jahrestagung ein wichtiges Fazit ziehen: 

Ein moderner Jugendmedienschutz muss in einer fast vollständig digitalisierten Welt breiter und als Querschnittsaufgabe gedacht werden. Für schwindende Schonräume und der algorithmischen Dynamik von Social Media greifen reine Verbote zu kurz. Der Schlüssel zum Aufbau von Resilienz und einer nachhaltigen Wertekompetenz liegt vor allem im Austausch und im Dialog mit Kindern und Jugendlichen. 

Tagungsbericht: Lena Wandner
Fotos: Sebastian Riedel