In der Schublade! Die Verhandlung von Vorurteilen durch die Medien

Sommerforum Medienkompetenz und medius-Preisverleihung am 5. Juni 2014

Sie stecken tief in unserem Unbewussten und werden aktiviert, lange bevor wir nachdenken können: Vorurteile.

Manche sind harmlos, andere diskriminierend, manche haben einen wahren Kern, viele resultieren aus traditioneller Feindschaft. Sie richten sich gegen bestimmte Kulturen, Religionen, Nationalitäten, Hautfarben, Berufe, sexuelle Orientierungen oder einfach Unbekanntes. Vorurteile helfen uns in der Konfrontation mit neuen Situationen. Wir können Risiken gegenüber dem Unbekannten einschätzen und Vertrauen oder Vorsicht, Sympathie oder Ablehnung entwickeln, bevor unser Gehirn überhaupt irgendwelche Fakten einsortiert und ausgewertet hat. Tief in unserem Unbewussten und unseren Gefühlen verankert wirken Vorurteile zuweilen stärker als konkrete, rational begründbare Erfahrungen oder wissenschaftliche Erkenntnisse. Medien können Vorurteile verstärken, aber auch dazu beitragen, sie abzubauen.

Das Verhältnis von Medien und Vorurteilen stand im Mittelpunkt des diesjährigen Sommerforums Medienkompetenz. Die Tagung beschäftigte sich in Vorträgen und praxisnahen Workshops mit der Funktionsweise sowie den Gefahren von Vorurteilen, Stereotypen und Klischees.

Veranstaltungsprogramm

Bildstrecke im Blogarchiv

Veranstaltungsbericht in tv diskurs 69

Mehr zum Thema: tv diskurs 72

 

Begrüßung

Anka Heinze
mabb

Kleine Einführung in das Schubladendenken

Wie unbewusste Vorurteile und Stereotypen unser Denken und Verhalten bestimmen

 

Dr. Jens Förster ist Professor für Sozialpsychologie an der Universiteit van Amsterdam und lehrte davor u.a. an den Universitäten Trier, Würzburg und der Jacobs University. Er studierte Germanistik, Linguistische Datenverarbeitung, Philosophie und Psychologie in Trier und Schauspiel/Operngesang in Saarbrücken. Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. das Heisenberg-Stipendium der DFG, den Tom Ostrom Residence in Scholar Award, den Charlotte-und-Karl-Bühler-Preis der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und den Kurt-Lewin-Award der European Association of Social Psychology. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die Sozialpsychologie der Vorurteile, Kreativität, Innovation, Wissensaktivierung, Selbstregulation, Liebe und Motivation. Momentan arbeitet er an einer neuen Theorie der Liebe und an einer umfassenden Theorie über Haben, Tun und Sein.

Workshop A

Klischee als Welt und Vorstellung. Eine praktische Übung zur Bedeutung von Klischees fürs Storytelling

Klischees bündeln Erwartungshaltungen. Erwartungshaltungen speisen sich aus Erfahrungen und Vor-Urteilen. Gesellschaftlich geprägte und politisch geschürte Vor-Urteile etwa zu spezifischen Bevölkerungsgruppen in der filmischen Erzählung oder Dokumentation bloß zu bestätigen oder sogar zu steigern – wie dies in den antisemitischen Hetzfilmen der Nazis geschah – ist ein Verbrechen. Mit Vor-Urteilen narrativ zu spielen, sie in filmische Klischees zu verpacken, um sie schließlich kritisch zu hinterfragen, womöglich sogar zu brechen, ist wichtiger Teil filmischer Erzählkunst. 

Sich an ihr in einer praktischen Übung auszuprobieren, ist Aufgabe der Teilnehmer/-innen dieses Workshops. Nach einer kurzen Einführung werden kurze Sequenzen gezeigt, in denen verschiedene Personen zu sehen sind. Jede/-r Betrachter/-in macht sich so Vorstellungen, eben Vor-Urteile von den Personen. In einer ersten praktischen Arbeitsphase formulieren die Teilnehmer/-innen ihre Mutmaßungen in Form kurzer Personenbeschreibungen. 

Diese „Klischeeschablonen" dienen als Grundlage für den zweiten Arbeitsschritt: Jede/r wählt mindestens zwei der fiktiv vorgestellten Personen aus und erfindet zu ihnen eine fiktive Welt: eine kurze Story oder eine dramatische Situation (erste Begegnung, Streit etc.), in der die Figuren nicht so handeln, wie es das „Klischee" von ihnen erwarten lässt. 

Ziel des Workshops ist es, sich in einer praktischen Schreibübung über eigene Vor-Urteile bewusst zu werden, und sie für den kreativen Prozess des Storytelling nutzbar zu machen.
 

Dr. Werner C. Barg ist Autor, Produzent, Filmjournalist und Regisseur von Film- und Videoproduktionen. Er war fast 20 Jahre in der theoretischen wie praktischen Filmausbildung an deutschen Hochschulen tätig, zuletzt von 1998 bis 2007 als Studienleiter der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)  – und hat zahlreiche Dokumentationen und mehr als 20 Spielfilme von Absolventen für Kino und TV dramaturgisch und z. T. auch als Koproduzent betreut. Derzeitige Lehraufträge bekleidet er an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf" (HFF) und am Halleschen Institut für Medien (HIM) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 2011 gründeten Barg und die Opal Filmproduktion GmbH (Alexander von Hohenthal) gemeinsam die herzfeld productions, um u. a. und insbesondere im Bereich der Produktion von Debütfilmen, besonderen Kino- und Arthousefilmen, aber auch von Dokumentationen und historischen Doku-Drama-Formaten zusammenzuarbeiten.

Workshop B

„Spaß trotz Rollstuhl?!“. Über Menschen mit Behinderung berichten

Im Workshop von Leidmedien.de der SOZIALHELDEN werden wir die Darstellung von behinderten Menschen in den Medien diskutieren: Welche Begriffe sind eher Floskeln? Wie könnten neue Perspektiven in Fotografie und Fernsehen aussehen? In Gruppenarbeit werden aktuelle Medienbeispiele untersucht und neue Formatkonzepte über Menschen mit Behinderungen (Hörfunk, TV, Print) entworfen. Außerdem klären wir Fragen zu barrierefreier Kommunikation, vom Interview bis zur Medienproduktion.
 

Lilian Masuhr ist Journalistin für Onlinemedien und Radio in Berlin. Bei den Sozialhelden engagiert sie sich vor allem im Projekt Leidmedien.de und ist dort Projektleiterin, Redakteurin und Social-Media-Managerin. Neben dem Studium der Kulturwissenschaft und Französischen Philologie an der Universität Potsdam hat sie lange bei Fritz, dem Jugendsender vom Rundfunk Berlin-Brandenburg, gearbeitet. Außerdem organisiert sie Medientraining-Workshops und moderiert Podiumsdiskussionen über digitale Kultur und sozialen Journalismus, u.a. für die Berliner Gazette. Auf ihrem eigenen Blog Blue Story sammelt sie seit 2014 Geschichten, die Menschen erst durch Facebook erleben.

Workshop C

Vor-Urteile im TV. Die ambivalente Funktion des Fernsehens bei der Entwicklung von Ressentiments

Das Fernsehen arbeitet mit Stereotypen – Geschlechterklischees, Bilder klauender „Zigeuner" und sich prostituierender „osteuropäischer Frauen", überdrehter „Tunten", arbeitsscheuer Hartz-IV-Empfänger – und reproduziert damit soziale Stigmata. Gleichzeitig werden Klischees und Vorurteile aber auch – teilweise beabsichtigt, teilweise unbeabsichtigt – zur Diskussion gestellt und gebrochen. Unter welchen Voraussetzungen wirkt die Darstellung und Thematisierung von Klischees auf Kinder und Jugendliche vorurteilsbildend? Und inwieweit kann sie zu Abgrenzung führen und ein Bewusstsein für Diskriminierung fördern? Dies soll anhand von Beispielen aktueller Castingshows, Reportagen und Comedies diskutiert werden.
 

Claudia Mikat ist seit 2001 die Leiterin der FSF-Programmprüfung und hauptamtliche Vorsitzende in den Prüfausschüssen. Sie studierte Erziehungswissenschaften/Freizeit- und Medienpädagogik an der Universität Göttingen. Danach arbeitete sie als freiberufliche Medienpädagogin, als Dozentin und in der Erwachsenenbildung. Von 1994 bis 2001 leitete sie die Geschäftsstelle der FSF.

Christina Heinen ist seit 2004 hauptamtliche Prüferin bei der FSF. Sie studierte Soziologie und absolvierte ihr Volontariat an der Journalistenschule der Evangelischen Medienakademie in Berlin. Sie arbeitete als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Medienthemen, Film- und Fernsehkritik.

Auswertung der Ergebnisse und Gespräch

Gesprächsrunde mit Dr. Werner C. Barg, Lilian Masuhr, Christina Heinen, Prof. Dr. Jens Förster und Prof. Dr. Dorothee Meister (Universität Paderborn)

Moderation: Miriam Janke



Im Anschluss an das Sommerforum fand die medius-Preisverleihung statt.


Veranstaltet von